Können Blinde malen?
Das habe ich mich häufig gefragt und gehofft darin eine Antwort zu finden. Da ich nicht von Geburt an blind bin, habe ich diese Art mich auszudrücken kennen gelernt. Als ich mit 12 Jahren durch einen Autounfall völlig erblindete, fiel diese Möglichkeit für mich leider weg, was mich sehr traurig stimmte. Da glaubte meine Mutter eine zündende Idee für mich gefunden zu haben, indem sie mich an Tonerde heran führte. Im ersten Moment war ich ihr sehr dankbar dafür, weil ich nun wieder eine Möglichkeit gefunden hatte, mich künstlerisch auszudrücken. Doch sehr bald stellte ich enttäuscht fest, das es nichts für mich war, was mich wirklich stimulierte. Es behagte mir so gar nicht, den Ton anzufassen und mit meinen Händen durchzukneten. Ständig hatte ich den Ton unter den Fingernägeln und das störte mich ungemein.
Eine Bekannte hatte die Idee mir das bearbeiten von Speckstein zu zeigen.Auch da fand ich sehr schnell heraus, das dies überhaupt nichts für mich sei. Da bei der Bearbeitung des Steines ziemlich feiner Staubproduziert wird, der dann schön an den Fingern haften bleibt und die Fingerfühlen sich dann dadurch sehr stumpf an. Das gefiel mir auch nicht und ich ließ auch bald das hantieren mit dem Speckstein sein.
Eine gute Freundin die auch blind ist, zeigte mir, wie man webt. Was mich jedoch auch nicht gerade vom Ofen vorzog. In der Blindenschule zeigte uns die Kunstlehrerin wie man Körbe flechtet. Das hat mir irgendwie schon Freude bereitet, Körbe auf solch eine Art und Weise fertig zu stellen. Jedoch hat es mich innerlich nicht zufrieden gestellt.
Viele Jahre habe ich nichts derartiges Künstlerisches getan, bis ich im letztem Jahr (2007) im Internet auf zwei Künstlerinnen stieß, die mit blinden Menschen zusammen Malprojekte durchgeführt hatten. Durch eine Elternliste erfuhr ich, das blinde Kinder malen. Da ging in mir ein Ruck durch den ganzen Körper! Wie, die malen!? Nun wollte ich das aber genau wissen und nahm Kontakt zu den beiden Künstlerinnen auf, die mich in meiner Idee blind zu malen bestärkten.
Im Internet stieß ich dann auch noch auf einen Bericht von einer Lehrerin,die auch mit blinden Kindern malte. Nun ließ mich dieser Gedanke überhaupt nicht mehr los und ich surfte im Internet bis ich auf eine Malerin stieß, die abstrakte Bilder malt. Sie mailte ich an. Dabei fand ich heraus, daß sie in Berlin zu finden ist. Ich fragte sie, ob man ihre Bilder auch als blinder Mensch betrachten dürfte? Sie schrieb mir zurück, daß sie ihre Bilder so noch nicht betrachten ließ. Jedoch würde sie mir diese Möglichkeit sehr gerne einräumen. Das stimmte mich innerlich so froh und ich erzählte meinem Mann davon. Wir fuhren zu ihr hin und sie zeigte mir mit großem Interesse ihre Bilder. Als ich ihre Bilder unter meinen Fingern befühlte, bin ich innerlich wie elektrisiert gewesen. Am Ende dieser Aktion fragte ich sie dann, ob sie sich vorstellen könnte, mich als Blinde darin zu unterrichten. Sie sagte nicht gleich zu, sondern wir telefonierten diesbezüglich eine Woche später. Beim Telefonat eröffnete sie mir dann, das sie dies gerne mit mir ausprobieren wollte.
Und so wird's gemacht: Die Farbe wird pastös,also sehr dick, mit Pinsel, Spachtel oder auch mit den Händen aufgetragen. Zusätzlich wird mit verschiedenen Pasten, Sand und anderen Materialien gearbeitet. Die entstandene Oberflächenstruktur kann man nach dem Trocknen ertasten und auf diese Weise die Bilder "betrachten".
Seit dieser Zeit sind nun einige Monate vergangen und ich habe mit ihr zusammen schon einige Bilder fertig gestellt. In ihr habe ich eine sehr aufgeschlossene, geduldige und experimentierfreudige Person gefunden.
Zur Frage, ob blinde Menschen malen können, sei gesagt: In gewissem Rahmen schon. Wenn die Materialien gut zu ertasten sind, die Bilder auch nach"etwas aussehen" sollen, bedarf es hin und wieder einer korrigierenden Hand von jemandem der sieht; da die Umwelt nicht nur aus Blinden besteht,sondern, vielmehr aus sehenden Menschen.
Die Betrachtung meiner Bilder
Sie werden einige Bilder in mehrfach gedrehter Ausführung sehen, weil man das Bild wenn man es in eine andere Richtung dreht, wieder anders betrachtet. Ich möchte nicht nur eine Sichtweise darstellen, daß jeder, in diesen Bildern etwas anderes sehen wird.
Die Phantasie kennt keine Grenzen und daher möchte ich mich nicht mit einer Ansicht der Bilder festlegen wollen.
Ich wünsche allen, die meine Bilder betrachten, daß Sie viel Freude dabei haben; und freue mich, wenn ich von dem einen oder anderen ein Feedback erhalte, wie meine Bilder gefallen und was in ihnen gesehen wird.
Beste Grüße
Silja Korn
Silja Korn
1966 in Berlin geboren,
Verheiratet seit 1991,
einen Sohn, 19 Jahre
Erste blinde Erzieherin in Deutschland mit Staatlicher Anerkennung.
Arbeitet seit 1989 im Kindertagesstättenbereich.
Seit 2007 ehrenamtliche Mitarbeit auf zwei Internetseiten.
Mit eigenen Arbeiten auf www.kunst-kennt-keine-behinderung.de vertreten.
Februar 2008 bis Mitte 2010 ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Radio4handicaps.
Engagiert sich in ihrer Freizeit aktiv in einer Theatergruppe
September 2008, Wiederaufnahme der künstlerischen Aktivität in Malerei
Sie malte schon gern in Ihrer Kindheit.
Aufgrund der Erblindung, die sie mit 12 Jahren durch einen Autounfall erlitt, war das Malen für sie leider nicht mehr möglich. Die Eltern, Bekannte, Freunde und Lehrer in der Schule wollten sie an vielerlei andere künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten heranführen, worin sie jedoch keinerlei Freude und Inspiration empfand.
Durch eine Elternmailingliste erfuhr sie, daß blinde Kinder malen. Dieses Wissen, dass blinde Kinder malen können, ließ sie ihren Traum,"wieder" malen zu können real werden.
Beim Recherchieren im Internet stieß sie auf eine Künstlerin, die einige ihrer Bilder mit gut ertastbaren Materialien gestaltete. Als Silja Korn die Bilder der Malerin unter ihren Fingern ertastete, reifte in ihr die Vorstellung heran, sie zu fragen, ob sie sich vorstellen könnte, sie im Malen zu unterrichten.
Silja Korn hatte die Vorstellung zu den Farben nie ganz verloren. Denn die Farben waren trotz der mittlerweile drei Jahrzehnten währendenErblindung immer noch intensiv in ihrem Kopf vorhanden. Es kam ihr so vor, als wollten sie endlich befreit werden.
Durch das hantieren mit Händen, Pinsel, Schwamm und Spachtel auf der Leinwand, beförderten sie wieder die Erinnerungen an die Vielfältigkeit der Farben in Silja Korns Gedächtnis zurück. Um so sicherer sie mit den Malwerkzeugen wurde, desto befreiter und glücklicher fühlte sie sich. Das kreieren von Bildern gibt ihr neuen Antrieb, um die optische Dunkelheit in ihr farbenfroher werden zu lassen.
Als würde sich für Silja Korn ein Fenster zur Außenwelt “wieder“ öffnen wollen.
Silja Korn arbeitet mit Pinsel, Spachtel, Naturschwamm, Bürste, Holzstäbchen und Bambusstöckchen.
Sie benutzt folgende Materialien für die Fertigstellung ihrer Arbeiten:
Papier, Steine, Sand, Holzlamellen, Pasten und Acrylfarben.
Wegen Ihres Handicaps benötigt sie bei der Farbgebung, Collagengestaltung, Feinarbeiten und bei gänzlicher Fertigstellung ihrer Arbeiten teilweise eine sehende Kraft.