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Brief an Louis Braille

Allerliebster Louis,

ohne Dich wäre mein Leben völlig leer, trist, trostlos und schriftlos geblieben, da ich verschriftlichte Texte und Bücher nicht mehr selbst genießen und allein lesen kann. Das wäre der absolute Alptraum schlechthin für mich. Ich müsste entweder jemanden bitten mir vorzulesen und müsste immer darauf hoffen – abwarten, dass jemand Zeit für diese Aufgabe hat oder bin darauf angewiesen, nur Hörbücher und unnatürliche Synthetische Roboterstimmen zu nutzen. Das wäre der absolute Horror.
Ja, durch dich kann ich mich wieder hingebungsvoll mit einem spannenden Buch und meiner roten, flauschigen Wolldecke in den ultragemütlichen, braunen, samtigen Ohrensessel. den ich von meiner Oma geerbt habe, allein zurückziehen.
Nebenbei steht ein kleiner marmorner Beistelltisch, auf dem ich mein aller liebsten Kaffeepott mit haptischen, kleinen und großen roten und rosa farbigen Herzen, die mit feinen und kräftigen weißen tastbaren Umrahmungen eingefasst sind, griffbereit dort abstellen. Ehrlich gesagt hatte ich da nicht mehr mit gerechnet, es je wieder zu können. Hätte ich nicht von meiner Freundin einen Braillekurs an der Ostsee in atmosphärischer Urlaubsatmosphäre geschenkt bekommen. Ich wusste bis dahin ja noch nicht mal, das es solch eine geniale Erfindung gibt.

In den ersten drei Tagen tat ich mich so schwer damit, den Aufbau der Brailleschrift nachvollziehen zu können. Irgendwann verstand ich, wie man mit sechs Punkten alle Buchstaben des Alphabetes und Zahlen zusammensetzt.
Schreiben auf der Braillemaschine ging mir super schnell von der Hand.
Jedoch das lesen der Punkte mit meinen Fingern hat mich viele Nerven gekostet. Meine Fingerspitzen mussten sich erst dafür sensibilisieren. Ich glaubte, ich könne dies niemals lernen. Viele Nächte hindurch weinte ich dicke Tränen, untröstlich darüber, mich damit so schwer zu tun. Meine Freundin stand mir Tag und Nacht zur Seite. Sie wurde dem nicht müde. Sie bestärkte mich darin, immer weiter zu üben und nur nicht aufzugeben.
Überall wo wir uns aufhielten, ... am Strand im Strandkorb oder bevor wir uns eine gute Nacht wünschten, fragte sie mich noch ab, aus welchen Punkten z. b. das E zusammengesetzt wird. ... Am Morgen war es gleich das Erste, wie welcher Buchstabe ... bevor wir die Augen aufschlugen und uns zum Frühstück auf den Weg machten. Allmählich gelang es mir pö a pö leichter zu fallen.
Es fühlte sich jeden Tag immer besser an und ich kam dem Ziel, bald wieder allein lesen und schreiben zu können, immer näher. Ein lang ersehnter Wunsch ging nun doch, nach Verlusst der Schwarzschrift, wieder in Erfüllung.

Nun endlich kann ich mich wieder so selbstbestimmt, ob langsam oder schnell, voll und ganz, wie es mir beliebt, auf den Inhalt des Buches einlassen und in mich zurückziehen, um Ihn zu zelebrieren und auszuschmücken; so wie es mir gefällt. Ich fühle mich gleich viel mehr mit dem Inhalt des Textes verbunden, wenn meine Finger flink, wie elektrisiert und manchmal mit hitziger, freudiger Erwartung über die erhabenen vielen gleichgroßen Punkte der Seiten dahin gleiten und innere Bilder in mir projiziert – und Figuren geformt werden und bunte Farbspektren durch sie immer mehr aus mir empor treten, spüre ich das längst geglaubte, verloren gegangene, wiederkehrende Glücksgefühl in mir aufkeimen, das mich tief und pulsierend umgibt, sobald ich die Schrift sanft berühre.

Ohne die Brailleschrift könnte ich den Kindern in der Kita nichts vorlesen. Ich bin Spracherzieherin und dafür ist lesen und schreiben zu können sehr wichtig und unumgänglich.
Denn viele Kinder lernen bei uns in der Kita Ihre allerersten Worte in Deutsch zu sprechen. Brailleschrift auf siljas Fingernägeln Da einige mit Ihren Familien von ganz woanders hergekommen sind, üben wir durch’s singen, Bilderbücher vorlesen und Fingerspielen, uns an die Sprache langsam anzunähern. Ich lese ihnen diese vor und sie sprechen mir nach.
Das ginge nicht, wenn ich die Brailleschrift nicht zur Verfügung hätte.
Weder Hörbücher noch Synthetische Stimmen können das ersetzen, was Deine großartige Erfindung mir an Selbstwertgefühl zurück gibt.
Ich möchte Dich nie mehr missen!
Zu Recht ist Deine wunderbare Erfindung 2020 zum Kulturerbe ernannt worden.
Seit vielen Jahren habe ich die Brailleschrift auf meinen Fingernägeln!

Vielen Dank mein Lebensretter Louis Braille!

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